2014-10-16

Gift und Galle spucken!

Habt Ihr diesen Monitor-Beitrag gesehen?



Es geht darin um eine junge Frau, zweifache Mutter, arbeitlos, der seitens des Jobcenters hinsichtlich ihrer beruflichen Qualifikation ein psychologischer Text aufgezwungen wurde. Hintergrund dieses Tests ist, das ist seit einiger Zeit bekannt und wird auch massiv kritisiert, dass die Jobcenter mit diesen Tests eine Aussortierung von arbeitsuchenden Menschen vornehmen. Laut Arbeitsagentur dienen diese Tests dazu festzustellen, ob ein Arbeitsuchender notwendige Kompetenzen aufweist, um an einer beruflichen Weiterbildung teilzunehmen. Es werden dabei nicht etwaige besondere berufliche Kompetenzen getestet, es wird lediglich der geistige Zustand überprüft. Er wird geprüft, ob der künftige Maßnahmenteilnehmer nicht vielleicht zu blöd ist, den Stift zu halten. Die Bewertung wird dem Bezugsempfänger nicht transparent gemacht.

Inoffiziell ist bekannt, dass die Arbeitsagentur diese Tests vorrangig dafür benutzt, um an einer Weiterbildung interessierte Bezugsempfänger, unter dem Vorwand eines Gutachtens dann abzulehnen – um Kosten zu sparen. Diese Begutachtung fällt dann tatsächlich nur manchmal auch nach einer persönlichen psychologischen Begutachtung aus. Der Bezugsempfänger muss Fragen beantworten, die in einer Art Flyer aufbereitet wurden.

Der SWR berichtete hierüber bereits im Juli 2013 im report unter dem Titel „Willkür bei der Arbeitsagentur”.

Bei dem Fall der in dem monitor-Beitrag besprochenen Frau geht die Agentur für Arbeit einen sehr interessanten neuen Weg, der in seiner Dreistigkeit wohl kaum noch getoppt werden kann. Diese Frau musste diesen Test machen, wurde laut ihrer eigenen Aussage gar nicht von einem Psychologen zum Gespräch gebeten. Man beschied ihr aber nach diesem Test laut „Gutachten nach Aktenlage” eine dauerhafte geistige Behinderung.

Das ist ein Skandal, der lt. monitor immer häufiger passiert in dieser Republik!

Noch einmal: diese Frau ist 41 Jahre alt, war immer in der Lage die ihr von der Agentur zugewiesenen 1-Euro-Jobs auszuüben, sie hat zwei Kinder groß gezogen, äußert sich vor der Kamera in klaren strukturierten Sätzen, denen man problemlos folgen kann. Sie schreibt eigenverantwortlich und selbstständig ihre Bewerbungen. Sie ist laut ihrer Aussage weder vom Sozialmedizinischen Dienst begutachtet worden, noch jemals in den 41 Jahre zuvor mit einer psychischen geistigen Behinderung diagnostiziert worden.

Das tut nun aber ihr zuständiges Jobceter. Ohne eine persönliche Begutachtung! Ohne Befugnis, ohne jegliche Kompetenz. Schon gar nicht mit der Beauftragung dieser Bezugsempfängerin, dass man an ihr eine derartige Begutachtung überhaupt durchzuführen habe.

Der eigentliche Hintergrund dieser Diagnose, davon abgesehen, dass man der Dame nunmehr keine Weiterbildung finanzieren muss, ist natürlich ein weiterer aus Sicht der Bundesagentur für Arbeit legitimer Grund: sie kann jetzt nämlich befinden, dass die Dame aufgrund ihrer Behinderung dem Arbeitsmarkt für drei Stunden am Tag gar nicht mehr zur Verfügung stehen kann und sie somit an die Bundesversicherungsanstalt verweisen mit dem Hinweis, sie möge dort um ihre Verrentung ersuchen. Die BfA jedoch wird die Dame als absolut arbeitsfähig befunden und die Dame wieder zurück an das Jobcenter verweisen. Das kann aber Leistungszahlung verweigern, weil die Dame ja nicht arbeitsfähig ist.

In diesem Prozess stecken in diesem Land sehr viele Menschen. Sie werden von den Jobcentern in Frührente geschickt, weil man Leistungen sparen möchte, weil man die Statistik beschönigen möchte, weil man nicht zugeben möchte, dass der Arbeitsmarkt für einen Großteil der Bürger dieses Landes nicht mehr existiert.

Guckt man sich diesen monitor-Beitrag an, wird man – während vor der Kamera in dem Testflyer geblättert wird – einen interessanten Testteil entdecken, nämlich die Überprüfung der Fähigkeit des räumlichen Sehens. Das ist insofern sehr spannend, weil hier offensichtlich wird, dass gegebenenfalls ein mangelhaftes Sehvermögen, das meines medizinischen Fachwissens nach eine rein körperliche Beeinträchtigung darstellt und keine geistige, womöglich in die Beurteilung der geistigen Kompetenz einbezogen wird.

Das ist schon ein starkes Stück! Ich, zum Beispiel, habe eine Amblyopie, also an einem Auge einen verkümmerten Sehnerv. Mir als Kind das „sehende” Auge zuzukleben, um den faulen Sehnerv zu aktivieren, hatte man versäumt. Sie äußert sich darin, dass ich auf einem Auge extrem kurzsichtig bin, was die andere Seite mit einer extremen Weitsichtigkeit aber wett macht. Eine Katastrophe ist das nichtn. Es wirkt sich lediglich negativ auf mein räumliches Sehen aus. Ich sehe etwas später als andere, wenn von rechts hinten etwas in mein Blickfeld rutscht. Ich spiele nicht gerne Computerspiele, die mit tieferen Ebenen daher kommen, denn das zu erfassen, sich im Bildwechsel schnell zurecht zu finden, ist für mich unangenehm anstrengend. Gestört hat es mich nie, ich kenne es nicht anders. Das Tragen einer Brille hilft nicht, denn der verkümmerte Sehnerv meldet nun mal keine scharfen Bilder an das Gehirn.

Jetzt stelle ich mir vor, ich mache diesen bekloppten Test von der Agentur und erziele womöglich beim Punkt „räumliches Sehen” keine Punkte. Vielleicht versage ich noch bei zweikommafünf Rechenaufgaben – und dann bin ich womöglich prompt geistig behindert – aus Sicht einer Behörde, die überhaupt keine Befugnis hat, solche Urteile über die ihr anvertrauten Schutzbefohlenen zu fällen? Und die sich bei einer solchen möglichen Diagnose dann auch noch als zu bescheuert heraus kristallisiert, die betreffende Person vorab einer fachkompetenten Person vorzustellen?

Seht Euch diesen Beitrag an. Nehmt diesen unglaublich inkomptenten Pressesprecher des Jobscenters zur Kenntnis.

Ihr könnt übrigens etwas tun: Ihr könnt Euren Lieblingsabgeordneten schreiben und ihn auffordern bei dieser Behörde den Test und vor allem sein Bewertungsschema zu veröffentlichen, also transparent zu machen. Außerdem könnt Ihr die Aufforderung aussprechen, die Anwendung dieser zweifelhaften psychologischen Tests – vor allem aber eine Begutachtung alleine aufgrund der Aktenlage – ab sofort zu unterbinden.

Oder könnt Ihr sicher sein, ob nicht auch Euch diese Art von Schikane treffen kann?

(Kommentare sind aus Gründen der Erfahrung aus.)

Streiklogik

Bei Streikemotionen gibt es als Betroffener zwei Möglichkeiten in der Handhabung:

1. Total sauer sein auf die Streikenden, alles doof finden was sie wollen, schmollen und am liebsten denen auf die Fresse geben und vor allem, ganz wichtig, als nichtorganisierter Arbeitnehmer in die TV-Kameras bellen, man selbst könne ja auch nicht „einfach” streiken, nur weil man mehr Geld wolle.


2. Oder man wendet sich an den Tarifpartner und erklärt ihm, man erwartet nun, dass er sich endlich auf die Forderungen der Streikenden, Arbeitnehmer etwas schneller mehr hin bewegt.

2014-10-15

Prinzessinnenblues

Hochzeitsgesellschaft unten im Engelbecken. Fototermin mit Braut und Bräutigam und den üblich wichtigen Personen – vielleicht vor islamischer Buddha-Brunnen-Kulisse. Der Bräutigam schön staatlich, die Braut in einem Kleid mit einem Reifrock, dessen Durchmesser offensichtlich mit der Kugel vom Fernsehturm konkurrieren möchte. Die Gesellschaft schreitet durch den Garten zurück zum Becken. Ein Teil der Gesellschaft. Die Braut stöckelt. Auf Kies mit Brautschuhen zu laufen, das mag am Brautttag eine der besonderen Herausforderungen zu sein.

Der Ehemann schreitet wie ein stolzer Pfau vorneweg, dahinter fünf Männer, sein Gefolge. Es folgt die Braut, alleine. Hinter ihr wieder eine Handvoll in Anzügen gewandete Herren. Man schickt sich an die seitliche Treppe hochzusteigen. Keiner, schon mal gar nicht der Bräutigam, schickt sich an, der Braut dabei helfend die Hand zu reichen.

Da ist die Frau einmal in ihrem Leben endlich die Prinzessin, von der sie vielleicht immer träumte, sie sein zu wollen. Und dann sind auf einmal alle Prinzen abwesend.

2014-10-14

Matjessalat mit Granatapfelkernen und Bratkartoffeln



Ich bin großer Matjes-Fan. Mich kann man mit einem leckeren zarten Matjesbrötchen prima glücklich machen und eine Weile ruhig stellen. Gerade habe ich eine dieser Phasen in der ich ständig Matjes essen könnte. Das führt dazu, dass ich andauernd wilde Matjes-Rezepte im Kopf kreiere.

Gerne begebe ich mich in die Küche und will dann eine dieser ominösen (im wahrsten Sinne des Wortes) Ideen umsetzen, dann blicke ich auf den Sack Kartoffeln, haben Hunger und es wird doch wieder Matjes mit Salzkartoffeln und Butter. Das liegt aber auch mit daran, dass ich es nicht weit habe hier in Berlin zu Kropp Delikatessen in der Karl-Marx-Straße, die zu den beiden Matjes Sorten, Emdener und Berliner Matjes, die weltbeste Apfel-Zwiebel-Sahnesauce anbieten. Und der zu entkommen, ist nicht leicht.

Gestern aber habe ich dem Schnippchen einen Haken geschlagen, ich kaufte den Matjes einfach woanders! Und machte Matjes-Salat. Und zwar mit Granatapfelkernen. Das ist mir nachmittags eingefallen, dass das ganz gut funktionieren könnte und zumindest mal etwas anderes wäre.



Da ich für den Salat als auch die Bratkartoffeln als Beilage Rapsöl verwendet habe, darf dies nun das zweite Rezept sein im Rahmen von Peggys und der Union zur Förderung von Öl- und Protein-Pflanzen e.V. gemeinsam veranstalteten Rapsölution, von mir kreiert und veröffentlicht.

Dieses Rezept ist für maximal zwei Personen als Hauptgang.

Zutaten

3-4 Matjes (diese sollten eher milder Natur in der Salzung und Würzung sein.)
1/2 Granatapfel, also dessen ausgelöste Kerne
1 Frühlingszwiebel in sehr feine Ringe geschnitten (die ich gestern übrigens prima vergessen hatte)

Vinaigrette
2 Teelöffel Senf, mild (ich nahm Honig-Senf)
6 Esslöffel Rapsöl
2 Esslöffel Himbeeressig
1 Teelöffel Kapern
1 kleingeschnitten Schalotte
1 Prise Zucker
Etwas Zitronenzesten
Salz, Pfeffer

Auf Wunsch: frischer Meerrettich

Kartoffeln (hier am Vortag gekocht)
4 Esslöffel Rapsöl
Salz, Pfeffer

Zubereitung

Gehen wir mal davon aus, dass die Granatapfelkerne bereits ausgelöst sind – hier übrigens der weltbeste Tipp von fool for food, wie das ohne Verletzte oder anstehende Küchenneurenovierungen funktioniert –, werden die Matjes abgetupft und in schmale Streifen (Gabelbissen) geschnitten. Ab in die Schüssel mit den Beiden. Vielleicht ein paar Kerne als Dekoration zurück behalten. Gleiches gilt für die fein geschnittene Frühlingszwiebel. Also, wenn man sie nicht vergisst.



Für die Vinaigrette habe ich alle Zutaten in den Quirlbecher gegeben und mit dem Pürierstab zu einer samtigen Mayonnaise hoch gezogen. Wer die Konsistenz nicht so dicht mag, verrührt die Zutaten einfach nur mit Schneebesen, sollte dann aber die Kapern und Echalotte sehr fein hacken. Abschmecken, bei meiner Version gehörte definitiv noch die Prise Zucker daran, trotz des süßeren Honig-Senfes.

Die Vinaigrette mit dem Matjes und den Granatapfelkernen vermengen und fröhlich vor sich hin ziehen lassen.

Währenddessen wanderte die gußeiserne Pfanne auf den Herd und die in Scheiben geschnittenen Kartoffeln wurden in Rapsöl langsam von beiden Seiten knusprig gebraten. Zum Schluss wurden sie natürlich etwas gesalzen und gepfeffert. Auf Zwiebeln oder Speck habe ich ganz bewusst verzichtet bei dem geschmacksstarken Partner auf dem Teller.



Zum Schluss habe ich die Bratkartoffeln und den Matjes-Granatapfelsalat angerichtet und etwas frischen Meerrettich darüber gerieben und mit der lustigen Petersilie dekoriert. Ich habe mir seit Jahrzehnten mal wieder einen Topf krause Petersilie gegönnt, die ich sonst nie in der Küche habe und dekoriere nun ungehemmt damit alles was mir auf den Teller kommt. Krause Petersilie ist so schön retro – ist sie nicht quasi die Pril-Blume auf dem Teller der 70iger?!

Äh … das war lecker. Wirklich sehr sehr lecker! Die zweite Portion, die ich heute essen wollte, hatte den gestrigen Abend nicht überlebt. Ich denke, wichtig ist, dass der Matjes wirklich mild ist und sein Salzgeschmack nicht allzu sehr mit der Frische der roten Kerne konkurriert. Sehr fein dazu der Meerrettich. Wir sollten Matjes und Meerrettich viel öfter zusammen alleine lassen.

Das Rapsöl trat natürlich sehr höflich bei den vielen etwas divenhaft agierenden Geschmacksbeteiligten in den Hintergrund. Aber: Bratkartoffeln in Rapsöl funktionieren geschmacklich sehr gut, ich mache das ja sonst lieber mit Butterschmalz wie die Oma – aber hier darf ich dem Rapsöl ein Sternchen überreichen. Es hat den Kartoffeln ihren Geschmack gelassen – eine Kompetenz, die bei guten schmackhaften Kartoffeln ja nicht hoch genug gelobt werden kann!

2014-10-12

Maispoularde mit Chili, Zimt, gelber Beete und Raps-Tagliatelle und eine Rapsölution

Vergangenes Wochenende bin ich Rapsöl begegnet. Also neu begegnet. Rapsöl habe ich bisher immer leidenschaftslos in die Ecke „gut zum Frittieren” einsortiert. Selbst für die Mayonnaise war meine erste Wahl eher Sonnenblumenöl. Ich wäre im Leben nicht darauf gekommen mit Rapsöl eine Vinaigrette zu mixen oder es als Alternative zu den vielen Gelegenheiten einzusetzen, bei denen Olivenöl bei mir an erster Stelle stand. Während ich keine Gelegenheit auslasse, Olivenöle zu verkosten und mir gerne hier und da ein sehr Gutes gönne, hatte ich in der Küche nie die Idee, Rapsöl pur zu kosten. Alleine schon der Gedanke Rapsöl könnte anders als nur neutral schmecken, der tangierte mich irgendwie nie.

Auf der Berlin Food Week bin ich dann letzten Samstag an dem Stand von SpeiseGut hängen geblieben, denn dort gab es neben der Öl-Verkostung eine nette kleine Ölpresse, die laufend vor Ort frisches Öl produzierte. Und zwar: Rapsöl. Das es dann auch mit leckeren Brotstücken zum Verkosten gab. Just in diesem Moment hatte ich meinen persönlichen kleinen Rapsöl-Moment. Ich schmeckte ein sehr intensiv nussiges Öl mit einer recht herben Note im Abgang. Dieses war deren gefiltertes Rapsöl. Es wird nach der Pressung eine Woche in Ruhe gelagert und dann erst gefiltert.



Ich hatte nicht eine Sekunde lang Zweifel, dass man mit diesem Öl ein Bruscetta genauso intensiv schmeckend hinbekommen könne, wie gewohnt mit einem guten Olivenöl.

Das direkt vor Ort gepresste Öl, mit dem aparten Grünstich eines kalt gepressten Olivenöls, schmeckte mild aber auch nussig – jedoch im Charakter seines Geschmackes deutlich neutraler.

Ich hatte an der Stelle also meinen persönlichen Aha!-Moment. Beziehungsweise war das überhaupt DER Aha!-Moment auf der diesjährigen Berlin Food Week: Rapsöl mit viel Geschmack. Dieses Öl schien mir erstmals eine echte Alternative zum mediterranen Gold zu sein. Hier jedoch regional produziert mit von Neuland zertifizierten Zutaten, gepresst in Berlin an der Havel – im schönen Kladow, meiner alten Heimat. Es gibt bei SpeiseGut auch andere frisch gepresste Öle.

Der zu Pellets gepresste Raps wurde aufgefangen und ebenfalls verkauft. Die Verkäuferin erklärte uns, diese könne man diese als Snack knabbern, daraus ein Pesto bereiten, es zur Würze verwenden, z. B. über den Salat streuen und in Saucen montieren. Darüber hinaus hätte man auch einen hervorragenden Dünger zur Hand. Meine Begleiterin, als Veganerin solchen grünen Speiseplanerweiterungen immer zugetan, kaufte einen kleinen Sack für 2,— Euro.

Später am Tag saßen wir auf dem Heimweg, eine kleine Pause machend, in der Sonne auf dem grünen Rasen am Künstlerhaus Bethanien und knabberten erstmals neugierig so ein Raps-Pellet. Das war natürlich so recht trocken bis staubig, hatte aber eine interessant herbe vorstechend nussige Note und überzeugte uns damit. Wir waren schnell sehr angetan und bewarfen uns mit wilden Kochideen. In der Tat ließ das Geschmackserlebnis bei mir viele Ideen explodieren.



So ging ich einen Tag später noch mal zur Berlin Food Week, vorrangig mit dem Wunsch Rapsöl zu kaufen. Ich erwarb beide Rapsöl-Varianten sowie drei Säckchen Pellets. Man kennt ja den und die eine oder die andere Kochbegeisterte.

Kaum über meine junge Liebe zum Rapsöl getwittert, wies mich die liebe Bhuti auf die Rapsölution hin – initiiert von Peggy von multikulinarisches und der Union zur Förderung von Öl- und Protein-Pflanzen e.V. hin, die irgendwie komplett an mir vorbei geschlummert war.



Die ziemlich einfache Aufgabe lautet mit Rapsöl kochen, das Rezept zu bloggen und vieleicht mit diesem eigenen Rezept ein Rapsöl-Blogger-Kochbuch gemeinschaftlich entstehen zu lassen und mit einer Portion Glück sogar einen der (jetzt mal ehrlich!) attraktiven Preise gewinnen.

Das Rapsöl-Blog mit Rezepten, Tipps und Tricks rund um Rapsölfindet Ihr hier! (Wer noch mitmachen möchte, möge sich bitte beeilen. Der Einsendeschluss ist der 15. Oktober 2014, alles weiteren Infos zum Procedere findet Ihr bei Peggy im Blog, wo in den Kommentaren schon sehr interessante Rezepte schlummern.)



Ich habe für die Rapsölution ein Rezept ausprobiert, von dem ich vorher selber keine Ahnung haben konnte, wie es schmecken wird. Denn ich habe nicht nur die Zutaten in Rapsöl angebraten, ich habe auch die Raps-Pellets zusammen mit dem Rapsöl in einem Nudelteig verwendet, quasi die – soweit ich zur Kenntnis genommen habe – allererste Rapsnudel geboren. (An dieser Stelle hätte ich gerne etwas Szenenapplaus!) Here we go:

Maispoulardenbrust an Chili und Zimt mit Gelber Bete und Raps-Tagliatelle




Zutaten

Nudelteig
200 Gramm Weizenmehl
100 Gramm Weizenmel
3 Eier
5 Raps-Pellets
4 EL Rapsöl (hier das ungefilterte Öl aus meiner kleinen Sammlung)
Eine Prise Salz

3 Knollen Gelbe Beete (gab es auf dem Markt, wollte mit und sollte mit)
1 Knoblauchzehe
Salz, Pfeffer
3 EL Rapsöl

2 Maispoulardenbrüste
1 Teelöffel gemahlenes Chili (hier das von McGormick)
1 Teelöffel scharfer Zimt (Zimt hat ja immer Schärfe aber dieser hier … (Geschenk einer Freundin)
1 Teelöffel Salz
Pfeffer
2 EL Rapsöl


Zubereitung

Den Teig für die Nudel setzte ich einen Abend zuvor an. Das ist nicht notwendig aber ich lasse ihn gerne länger ruhen, damit das Mehl seine Klebewirkung perfekt entwickeln kann.



Ich zerkrümelte die Pellets, gab das Rapsöl dazu und verrührte beides zu einem Pesto (auch ohne Knoblauch und Gewürze an dieser frühen Stelle mich geschmacklich überzeugend). Dieses fügte ich zu dem mit der Prise Salz gemischten Mehl, gab die Eier hinzu und knetete lang, liebevoll und zärtlich – auf dem Sofa vor dem Fernseher beim perfekten Dinner. Ich habe ja nun mal keine Küchenmaschine, die Nudelteig kneten kann und der Teig besteht ja darauf, 20 Minuten lang mit der Hand geknetet zu werden. Wat mut, dat …, näch?!



Der Teig wanderte in einen Gefrierbeutel (aka Plastikfolie) und durfte sich im Kühlschrank 24 Stunden ausruhen. Am nächsten Tag rollte ich ihn aus und überließ es der Nudelmaschine ihn in nette Streifen zu zerlegen.

Vorher lief mir auf dem Markt die Gelbe Beete zu und flugs zog die Idee ein, dass ich diese ja in Streifen geschnitten an die Nudeln geben kann. (Natürlich schielte ich dabei auch auf eine raffinierte Farbkombination „grüne Nudel an Gelber Beete”. Richtig grün wurden die Nudel mit dem Raps-Pesto dann doch nicht.)

Drei Beete-Knollen wurden geschält, in reichlich Wasser mit etwas Salz zum Kochen gebracht, bis die Beete weich war. Gelbe Beete ist natürlich deutlich weniger farbintensiv, geschmacklich auch etwas leichter in der Note als ihre rote Kumpeline. Als sie weich war und sich etwas abgekühlt hatte, schälte ich mit einem Sparschäler Streifen runter. Gleichfalls wurde die Knoblauchzehe in feine Scheiben geschnitten. Beete und Knoblauch sind, wie ich finde, ganz dicke Geschmackskumpel.

Die Brüste der Maispoularde wurden mit der Gewürzmischung eingerieben und in zwei Esslöffel Rapsöl in der Pfanne von beiden Seiten angebraten und durften dort bei leichter Hitze weiterziehen.

Währenddessen hatten sich die Rapsnudeln im Nudelwasser fröhlich kochen lassen, und hüpften abgetropft zur Gelben Beete, die sich schon mit dem Knoblauch zusammen wärmte in die Pfanne, um sich dort gemeinsam im Rapsöl zu tummeln.



Raps-Tagliatellel und Gelbe Beete wurden auf dem Teller angerichtet, die in Scheiben geschnittene Poulardenbrust angelegt und … sehr gerne gegessen!

Mein Fazit – aber ich bin großer Zimtfan und weigere mich partout dieses wundervolle Gewürz nur wie hierzulande oft üblich für die weihnachtliche Saison oder Backwaren zuständig zu sehen – die Hühnchenbrust mit dem Zimt-Chili war geschmacklich ein kleines Highlight. Die sehr nussig schmeckenden Raps-Tagliatelle an der Beete mit dem Knoblauch dazu die passende Beilage – die dem Zimt und dem Chili geschmacklich gut Paroli bieten konnte.

Also diese Nudeln mit den Rapsölpesto aus den Pellets fand ich geschmacklich wirklich ein Highlight, dass ich immer wieder zubereiten werde. Denen kann man problemlos auch die Hauptrolle auf dem Teller geben!

Langes Blogpost, kurze Rede: ich bin wirklich froh, so Rapsöl und Raps-Pellets neu für meine Küche entdeckt zu haben!

2014-10-06

Cuciniale und GourmetPilot

Untertitel: Wie ich einmal eine Ente piekte und den Champagner für mich wieder entdeckte.

(Disclosure: Im folgenden beschreibe ich ein Foodblogger-Abendessen-Event, das zu dem Zweck initiiert wurde uns Blogger ein Koch-Utensil vorzustellen; dieses Post wird also auch Produktnamen enthalten und Links zu gewerblichen Angeboten. Wisst Ihr Bescheid, näch?)



Erinnert Ihr Euch noch an meinen Thermometer-Einkaufsmarathon für meine ersten Ricotta bzw. Frischkäse-Versuche am eigenen heimischen Herd? Neulich durfte ich mich auf das nächste Küchenthermometer-Level begegnen und in einer geselligen Runde mit Schon- und Demächst-Foodbloggern den CucinialeSensor (ab jetzt kurz Cuciniale) testen, einschließlich dem GourmetPilot – die passende App zum Sensor. Ja, Ihr habt richtig gelesen; gekocht wird mit dem Touchscreen.



Der Cuciniale ist ein Gourmetsensor aus den Profiküchen adaptiert für den Normalo-Haushalt. Das Prozedere kennen wir, Geräte in unterschiedlichen Ausführungen, die von Fernsehköchen in Braten und sonstige Kochgebilde gesteckt werden und mit einer Leitung vom Offeninneren nach Außen die jeweilige Temperatur übermitteln. Das Gleiche vermag der Cucinale auch zu tun – und zwar fern des Backofens – ausschließlich am Herd.

Die Gründer der Cuciniale GmbH, die alle aus der Gourmet-Cuisine-Entwicklung stammen, haben mit dem GourmetPiloten eine smarte App dazu entwickelt, mit der man – endlich – legitimiert auch in der Küche das iPhone bzw. iPad am Mann/anne Frau haben kann.

So füttert man den GourmetPiloten ganz man am Anfang mit relevanten Daten bezüglich der Herdart, derzeit verfügbar E-Herd, Ceran- und Induktion (Gas-Herde in Vorbereitung) und kann zudem weitere spezifische Informationen vermitteln wie die Pfannenart mit der man kocht. Sein Wissen zu handelsüblichen Pfannen ist fundamental ausgeprägt. Nach diesem einmaligen SetUp kann direkt los gekocht werden.

Definiert wird dabei das Kochgut z. B. Ente, Schwein oder Rind und die Kochmethodik, also: Schmoren oder Kurzbraten. Man wählt das Wunschergebnis, also wie man das gute Stück gerne zubereiten möchte. Das Steak schön durch, die Ente blutig aber mit dunkel gebräunter krosser Haut. Dann drückt man auf Start, legt den Cuciniale in die Pfanne oder Kochtopf und prompt fängt der GourmetPilot mit netten (selbst definierbaren) Sounds – bei unserem Testkochen hatten wir ständig Lokomotiven-Alarm und ich mag Lokomotiven-Alarm – an mit dem Koch zu kommunizieren.

Sobald das Kochgeschirr heiß genug ist, kommt die Anweisung Öl in die Pfanne zu geben, befindet der Sensor dies sei heiß genug, folgen weitere Anweisungen wie „Fleisch hinzugeben”, „Fleisch wenden”, „Hitze regeln” etc. Nach dem ersten Wenden des Bratgutes wird der Sensor an die dickste Stelle im Fleisch gesteckt – und der Cuciniale misst und meldet hinsichtlich der Wünsche zum Endergebnis, wann das Stück Fleisch den perfekten Bratzustand erreicht hat. Im üblichen Kochprocedere gibt es zwischendurch noch Anweisungen, wie und wann welches Produkt in den Kochvorgang zugeführt werden soll. Sehr spannend, dass man hier und da übliche und gewohnte Griffe tatsächlich unterlassen soll, wenn der GourmetPilot sie nicht fordert. Der will halt nicht, dass das Risotto bis zu einem bestimmten Zeitpunkt gerührt wird. Und wenn man langsam Schweißperlen auf der Stirn hat, weil man denkt, das Fleisch wird gleich schwarz, zeigt er ein lässiges souveränes Selbstbewusstsein, mit dem man sich erst einmal anfreunden muss.

Denken und Intuition ist also beim Kochen zunehmend out, HighTec – auch in der professionellsten Heimküche – in. Falsch machen kann man faktisch nichts mehr, denn die sechs Sensoren vom Cuciniale habe einen ziemlich guten Durchblick mit was für einer Art Fleisch und Dicke man es zu tun hat, er kennt die spezifischen Behandlungswünsche.



Bei unserem Bloggermeeting in der kleinen feinen Bio-Kochschule von Jens Friedrich durften wir in einer Art Kochduell den Cuciniale samt App testen. Holger Henke, Geschäftsführer der Cuciniale GmbH hatte es sich nicht nehmen lassen, uns das Produkt selbst vorzustellen und uns beim Kochen damit zur Hand zu gehen.



Wir dividierten in zwei Gruppen zu je vier bis fünf Personen, um den Brei ordentlich zu verderben, dieser kam zunächst in Gestalt eines Spargel-Risottos mit Forellen-Filets als Vorspeise daher. Im Hauptgang kredenzten wir uns eine Entenbrust. Je ein Team bereitete dabei den jeweiligen Gang analog, das zweite den Gang Cuciniale-basierend digital zu.



Zu diesem Zeitpunkt war ich schon schwer in den uns zur Begrüßung angereichten Champagner von Piper-Heidsieck verliebt. Dazu muss ich sagen, dass ich nach einer langjährig zurück liegenden Champagner Rosé-Nacht mit einem Freund, der diesem Getränk in herzlicher Zuneigung sehr zugetan war und in wirklich jeder Location, die wir heimsuchten in jener Nacht, eine Flasche orderte, und ich von eben solchen Getränk ganz schön die Leber voll hatte und daraufhin in den letzten Jahren mein Herz eher der Welt der Crémants eingelegt hingegeben hatte. Aber dieser Champagner war wirklich gut, sehr fein zu trinken, machte Spaß und war genau die richtige Begleitung für die warme Sommernacht – am Küchenherd. Ab sofort bin ich für mehr Champagner beim Kochen!

Selbstverständlich wurden uns später auch ganz feine Weine zum Essen selbst angereicht. Aber der Pieper-Heidsick Champagner hat mir doch glatt den Glauben an den Champagner zurück gegeben!



Nun zurück an den Herd, meine Gruppe kochte zuerst analog die größere Menge Risotto für fast alle, briet die Forelle und hatte dabei unglaublich viel Vergnügen miteinander und hat sich den Wolf gequatscht. An dieser Stelle kann man dem Champagner unterstellen, bereits einen prima Job für die gute Laune absolviert zu haben.



Wir wussten alle, was zu tun ist – der hauseigene Cuciniale-Koch; Peter Kundner, hatte bereits gut vorgeschnippelt. Es war also kochen auf allerfeinstem und bequemen Niveau.





Beim Anrichten zeigte sich, dass wir mit Doc Evas Kochlatein (ambitionierte kochende Zahnärztin und im übrigen Vox-Perfektes-Dinner-Gewinnerin) eine sehr fähige Food-Stylisten an Bord hatten, die generell ein feines Händchen für Forellen hatte.



Natürlich konnten wir beide Koch-Methoden in Form von Speiseproben direkt miteinander vergleichen – die Forellen waren absolut auf gleichem Niveau. Ich mochte unser Risotto ein wenig mehr, weil bissfester – allerdings ist gerade bei Risotto im Kochvorgang ein größere Menge zu kochen zuträglicher. Die Cuciniale-Tester übten sich derweil in dem Zubereiten von Risotto-Kleinstmengen. (Ich könnte so etwas ja nicht.)



Hier ein ganz klares Remis. Die Forelle vom Cucinale war ebenso perfekt gebraten wie unsere.

In der zweiten Runde blieb uns vom Hauptgang nur die Ente zuzubereiten. Die sehr feine Granatapfelsauce und Kartoffelbeilage waren schon vorbereitet. An dieser Stelle mein Tipp: Sagt öfter „ja!” zu Granatapfelsaucen mit etwas Schärfe zum Fleisch! Diese hier war zwar etwas flüssig, geschmacklich jedoch eine der wirklichen charmanten Begegnungen an diesem Abend (neben vielen anderen.)







Während die andere Truppe ihre Entenbrüste wie üblich erst in der Pfanne anbriet und sie im Ofen weiter reifen ließ, fütterten wir unter Anleitung von Herrn Henke den Gourmetpiloten mit den SetUp-Daten, also Herd- und Pfannenmethodik, erklärten ihm, dass wir eine Ente zu kochen gedenken, die innen sehr Rosé zu sein hatte und außen eher etwas dunkler gebräunt.





Der Mann an der Ente, Felix Keller, von Tech 'n Chili.





Der Cuciniale und Gourmetpilot im Team maßen und warfen uns hier Anweisungen und da Befehle zu, manchmal simulierte seine Soundpräsentation einen leichten Druck in unsere Richtung – schlussendlich hatten wir unsere Ente fertig gebraten, sie sah perfekt und genau wie programmiert aus und wir konnten uns erneut an den Tisch begeben und beide Kochvarianten vergleichen.

Perfekt sah unsere Version allemal aus:



Bei der Ente war ich persönlich näher an der Ente aus dem Ofen. So ein bisschen vor sich hin schmoren und ruhen, das tut einer Ente einfach sehr gut. Ich fand sie zarter und auch etwas weniger blutig – so wie ich sie persönlich mag. Dafür war sie nicht so knackig braun wie unsere, die ja lediglich ein Pfannenerlebnis ihr eigen nennen konnte. Wir hatten unsere Ente – das sei betont – im Gruppenkollektiv so haben wollen und defacto war unsere Ente tatsächlich genauso wie von uns vorbestimmt und so dem GourmetPilot als Aufgabe mitgegeben – und diese hat er tadellos gemeistert.

Der Nachtisch wurde uns vom Kochschulen-Meister und Cuciniale-Koch dann an den Tisch serviert – und ich finde, dass grundsätzlich alle Köche in den Himmel gehören, die mir einen Nachtisch doppelt servieren!



Erwerben kann man den Cuciniale ab Ende Oktober 2014 in der Premiu-Ediiton für 279,99 Euro inklusiver lebenslanger Software-Updates. Günstiger die Variante mit kostenpflichtigen Updates, da kostet die Hardware nur 149,99 Euro. Die Applikation, den GourmetPilot, gibt es kostenlos im Apple-Store.

Wer jetzt gerade überlegt, „Hm, das wäre das passende Weihnachtsgeschenk für …”, dem möchte ich noch den Tipp geben, dass der CucinialeSensor und GourmetPilot gerade online zum Einführungspreis für 129,99 € erworben werden kann.

Der Cuciniale ist sicher das Geschenk für den sehr ambitionierten Laienkoch, der gerne technisches Equipment sammelt und nutzt. Natürlich macht so ein technischer Support via Smartphone schon irre viel Spaß für sich genommen. Schlussendlich zählt das Ergebnis, das scheint mir hier absolut optimal zu sein. Für mich persönlich kommt er wohl eher zu spät, ich bin so weit mit meinem Wissen und etwas Intuition zum Kochgut prima Ergebnisse zu erzielen. Allerdings möchte ich nicht ausschließen, dass mir der Cuciniale bei einem richtig guten Stück Fleisch gelegentlich auch fehlen wird. Zum Käsen könnte er auch hilfreich sein. Natürlich wird hinsichtlich der App noch für andere Smartphones, Tablets gearbeitet.

Minuspünktchen? Optisch finde ich den Cuciniale im Design doch sehr klassisch, fast ein wenig DDResque. (Entschuldigt Jungs – aber da könnten die gestylten Pathologie-Küchen-Besitzer ein Problem haben!)

Zusammen kochen ist immer schöner als alleine kochen. Alles in allem war es also ein wirklich schöner Abend in – wie bei diesen Kochlümmeln immer üblich – sehr netter Foodblogger-Runde – der mit einem leichten Champagner-Schwips für mich in fortgeschrittener Sommernacht auf dem Rad von Charlottenburg nach Mitte radelnd ein wohliges und inspirierendes Ende fand.

2014-09-24

Kuchensozialität

Heute kam erstmals der neue nachbarschaftliche Freund, um den Teller zurück zu bringen auf dem es neulich den kleinen halben Käsekuchen mit Himbeeren mitgab, um heute auf dem gleichen Teller die vorzügliche (aber echt jetzt mal!) Birnentarte mit Guss mitzunehmen.

Da war also der Mann, der nach dem Hund riecht, nach dem ich auch neuerdings ab und an rieche. Lecker. Shiina benahm sich prompt wie ein kleiner Pudel mit perfektem Hundeschulenabschluss. Sie hörte auf das Wort, folgte bei Fuß, spielte mit dem Ball, war zu jeder Zeit topniedlich und flog dann doch zum Schluss als Katze auf, als sie ihm vergnügt ins Gesicht schnurrte.

Die beiden anderen Damen hatten Abendbrotbauch und somit wenig Interesse.

Ich teile sehr gerne meinen Kuchen mit Nachbarn im Haus oder in der Straße wohnend. Es hat einen riesigen Vorteil, denn ich backe gerne, kann aber aus logistischen Gründen nicht ständig ganze Kuchen vertilgen. Also ich kann schon aber ich ahne, das könnte Konsequenzen haben, die auf Dauer der Arzt nicht goutiert. So kann ich viel backen, immer abgeben, mache Menschen froh, oft bekomme ich sogar mit dem Teller ein Lob zurück. Ich kann dieses Konzept gut leiden.

Da ich mich eh gerade in meiner persönlichen Auseinandersetzung mit meinem Mürbeteigkarma befinde, an dem es noch viel zu feilen gibt, ist das eine sozialkalorienverträgliche Lösung. Zudem wird man sich in diesem Kiez irgendwann an mich erinnern als die komische Frau auf dem Rad mit den drei Katzen, die immer Kuchen backte.

Nicht die schlimmste Erinnerung an sich.

2014-09-18

Der Norma Tschüss gesagt

Heute war Normas Beerdigung. Meine erste Beerdigung auf einem Friedhof in Berlin-Mitte. Der II. Sophien-Friedhof in der Bergstraße. Allererste Lage, für Norma nur das Beste.

Wie es sich für die kleine Sonnenanbeterin geziemt, schien heute die Sonne hell und leuchtend. Sie tauchte die Scheiben in der kleinen Kapelle in wunderschönes Licht und wärmte uns während der Trauerrede im kalten Gemäuer die Oberkörper. Die Familie hatte zu der roten Urne ein Foto von Norma aufgestellt, das sie schon als ältere Dame zeigte. Sie trägt auf dem Foto so etwas wie das, was man heute „Fascinator” nennt. Ein Hauch von Etwas seitlich am Kopf. Sie guckt auf dem Foto genauso wie sie war, heiter bis belustigt, irgendwo in dem Gesicht und in den Augen saß immer eine Portion Schabernack. Diese Frau war noch im Alter wunderschön!

Der Trauerredner erzählte von ihrem Leben. Ich war dabei erstaunt, wie viel ich davon tatsächlich schon wusste, obwohl ich sie nicht lange kannte und wir nun auch nicht immer beisammen saßen. Aber sie hat mir in der kurzen Zeit viel erzählt. Nur vom Heinz war nie die Rede, ihre unglückliche Liebe, die kurze Ehe, die sie wohl mehrmals noch nach der Scheidung versuchte wieder zum Leben zu erwecken, was nie mehr gelingen sollte bis der Mann dann nach Westdeutschland gegangen war. Was damals halt hieß, die DDR verlassen hatte.

Aber von der Mauer und Stadtteilung war in dieser Trauerrede nie die Rede, wenn doch vom Krieg, dessen Anfang sie als 13-Jährige erlebt hatte, die Schrecken also sehr bewusst wahrnehmen musste, und dann ihren ältesten Bruder mit 17 Jahren in der Uniform am ersten Weihnachtsfeiertag verlor. Das hatte sie mir einmal – Jahrzehnte später – tiefbekümmert über die Balkonbrüstung hinweg erzählt, wie sie danach nie wieder fröhlich Weihnachten feiern konnte. Bis einer ihrer Urenkel an dem ersten Weihnachtsfeiertag geboren wurde, was ihr erst den Frieden wieder gegeben hatte.

Norma hatte dieser Tage Angst vor einem neuen Krieg aufgrund der ganzen Entwicklungen im Nahen Osten und vor allem in Russland. Der Russe im Krieg, davon haben die Menschen ihrer Generation ihr sehr eigenes Erleben. Sie erzählte mir einmal von ihrer Angst, die ich mit ihr teilen konnte. Ich stand da und hatte Gänsehaut und wusste nicht, wie ich sie beruhigen hätte können. Da habe ich lieber die Angst mit ihr geteilt und ihre ernst genommen.

Ich habe mich immer bewusst bemüht in den Zusammentreffen mit Norma keine platten Sprüche zu bringen, die man gerne älteren Menschen gegenüber anwendet, wenn sie von den Dingen sprechen wie Tod, Verlust und Müdigkeit, von denen man selbst noch nichts hören will. Ich bin froh, jetzt froh, dass ich bei unserem letzten Gespräch als sie mir sagte, dass sie müde sei, einfach nur gesagt habe, das ich das verstehen würde aber dass es mich auch traurig machen würde, wenn sie nicht mehr sei. Ehrlichkeit im Leben ist später ein prima Begleiter in der Trauer.

Der Redner sprach von der Fröhlichkeit, die Norma so ausgezeichnet hätte und dass Musik ihr ständiger Begleiter gewesen wäre, er sprach an, dass sie alle Arten von Musik liebte, im Chor gesungen hätte, gerne Klassik gehört hätte und André Rieu. Norma hatte immer den Radiosender an, der Rockmusik spielte, laut. Sie beschallte damit gerne den Hof und somit meinen Weg zum Müll, was ich doch außerordentlich reizend fand. Immer wieder.

Ich habe heute oft auf ihr Foto geblickt und musste immer denken: „Norma, Du kleiner Rocker!” Doch ja, Norma war noch mit 88 irgendwie Rock'n Roll! Die 15-jährige Tochter einer Nachbarin im Haus, heute tapfer dort die Familie vertretend, erzählte mir, dass ihre Mutter ihr immer erzählt hatte, wie sie mit Norma und einer Nachbarin „damals” nebenan in das besetzte Haus gegangen seien und mit den Bewohnern musiziert hätten.

Ich hatte Normas Tochter angesprochen und ihr gesagt, bevor sie den Gartenzwerg auf Normas Balkon wegwirft, denn die Wohnung wird ein Unternehmen auflösen, möge sie ihn bitte mir geben. Sie wollte noch ihre Enkel fragen und hat ihn mir dann neulich in die Hand gedrückt. Ich bin keine Gartenzwergliebhaberin aber dass ich nun vom Normchen den Zwerg hier stehen habe, erheitert mich und meinen Balkon. Ich erinnere mich sehr gerne an sie.

Wie der Redner sprach mit Hinweis auf die Urne, man könne eben nichts mitnehmen, deswegen gehe es im Leben vorrangig darum zu schenken: Freundlichkeit, Fröhlichkeit, Wärme und Liebe. So kurz ich diese Frau nur kannte, zweifle ich keinen Moment daran, dass sie sehr reich gegangen ist, weil sie Zeit ihres Lebens all das oft und nachhaltig verschenkte.

Nun haben wir sie begraben an einer wunderschönen Stelle, umrahmt von zwei Kirschlorbeerpflanzen mitten in ihrem Berlin. Ich habe mich bei ihr am Grab bedankt, dass ich sie kennenlernen durfte.