2016-07-26

Traurig

Gestern war ein trauriger Tag. Ein Mensch, einer dieser guten, so angenehmen Menschen, lange bekannt in unserer Bloggerszene, hatte für sich keine Kraft mehr aus seinem Leben die Kraft für sein Leben zu ziehen und ist gegangen. Mit einem Abschiedsbrief in seinem Blog formuliert. Meldung an die zuständige Behörde, die Suche, viele hoffnungsvolle gut gemeinte Tweets an ihn gerichtet, die er wohl längst nicht mehr lesen konnte. Mittags die traurige Gewissheit.

Zu den Tweets möchte ich später etwas schreiben. Generell zu dem, was man tun kann, begegnet man selbst der Situation nicht mehr zu können – oder begegnet man einem Menschen, der das von sich selbst sagt. Oder von dem man das unbestimmte Gefühl hat, er könne sich etwas antun. Simple praktische Tipps.

Der Text ist sehr lang. Sich vorher eine Tasse Kaffee zu holen, kann eine sinnvolle Maßnahme sein.

Suizide sind in Deutschland die häufigste nicht natürliche Todesursache. Also noch weit vor Autounfällen und Tötungsdelikten. Hierzulande sterben mehr Menschen in einem Jahr durch Selbsttötung als durch alle Verkehrsunfälle, AIDS, illegale Drogen und Gewalttaten in einem Jahr zusammen. Seit 2007 steigen hierzulande die Suizid-Zahlen wieder, aktuell liegen vom Statistischen Bundesamt die Zahlen bis zum Jahr 2013 vor. So starben 2013 10.076 Menschen durch einen Suizid ABER über 100.000 Menschen haben in dem gleichen Jahr einen Suizidversuch begangen. Wie immer bei solchen Zahlen, ja, es gibt noch eine Dunkelziffer.

Quelle: Suizidprävention Deutschland.

Suizide kündigen sich sehr oft an. Auch sehr oft sind sie vorher gar nicht spürbar für das Umfeld, nicht einmal zwingend für den Menschen, der selbst aus dem Leben scheiden wird. (Hinterher ist man meist schlauer.) In einem Moment in dem ein Mensch äußert, keine Hoffnung für sich und sein Leben zu sehen, nicht mehr zu können; vor allem einhergehend mit der Meinung, niemand könne ihm noch helfen – sollten Partner, Eltern, Freunde, Kollegen, Arbeitgeber sehr hellhörig werden. Je früher man hinhört, um so besser. Übrigens auch für einen selbst. Denn ein Suizid/Suizidversuch im eigenen sozialen Umfeld, das macht immer auch etwas mit einem selbst.

Das ist dann übrigens der Moment in dem man sich Sätze wie „Ach komm schon, ist nicht so schlimm. Jeder hat mal so dunkle Momente.” besser für sich behält. Alleine zum weiteren Aufbau des Vertrauens.

Suizidprävention ist möglich, sehr gut möglich mittlerweile – lässt man diese Menschen in ihrer Not nicht alleine. Dazu gehört zum Beispiel, dass man die Person, wenn man so ein dummes Bauchgefühl hat, direkt fragt: „Muss ich mir Sorgen machen?” (Vorzugsweise stellt man die Frage im direkten Gespräch, Mimik erzählt hier nämlich viel.) Nicht wenige Menschen, die sich selbst töten, waren zwar vorher in ärztlicher Behandlung, sind dort nicht immer ehrlich zu sich selbst gewesen. Und deswegen sollte man diese Frage nicht lapidar nebenbei (am Telefon, im Chat) stellen. Diese Frage direkt zu stellen, die Person dabei lange anzugucken und ihr lange Zeit zum Antworten geben – sind gute Hilfsmittel, um jemanden dazu zu bringen, darüber nachzudenken, wie weit er gedanklich bereits einem möglichen Suizid ist. Womöglich beantwortet er diese Frage im zweiten Anlauf viel ehrlicher. (Patienten ist oft gar nicht selbst klar, wie weit fortgeschritten sie eventuell schon sind mit ihrem Wunsch nach Ruhe.) Und „Muss ich mir Sorgen machen?” ist eine Frage, die man im Prinzip nur mit „ja” oder „nein” beantworten könnte. Das tun aber die wenigsten Personen und deswegen liegen in der meist unbewusst gegebenen längeren Antwort sehr viele Informationen für den, der zuhört. (Der dann auch zuhören sollte und nicht selber reden sollte.)

Ja, die therapeutische Situation – liegen einem möglichen Suizid psychische Erkrankungen zu Grunde – in in Deutschland leider immer noch im Status Unterversorgung. Dennoch sind die Schwellen für Therapiezugänge gerade im akuten Bedarf deutlich niedriger gestaltet worden. Man bekommt in diesem Land Hilfe, nicht immer ganz leicht; daher ist es notwendig auf sich zu achten und sich frühzeitig um sich selbst bzw. den Betroffenen zu kümmern. So oder so gilt eines: vom Depressiven wird auch immer etwas eigener Aktionismus erwartet. Das ist natürlich wahnsinnig schwer – aber eben auch genau richtig.

Krankenkassen
Die meisten Krankenkassen kennen die Notsituation in der psychiatrischen Versorgung Deutschlands. Die kennen auch die Folgekosten, die vor allem durch missglückte Suizidversuche auf sie zukommen könnten. Sie haben daher ein sehr großes Interesse jemanden rechtzeitig in die für ihn notwendige Behandlung zu bringen. Wer also nicht weiß, wohin er sich wenden soll – für sich selbst oder Angehörige – wer im akuten Stadium gar nicht die Kraft hat x-viele Therapeuten anzurufen bzw. „abzuklappern”, kann sich an seine Krankenkasse wenden. Die allermeisten großen Krankenkassen haben hier bereits gut funktionierende Notsysteme für die Patienten installiert.

Ich kann das aus eigener Erfahrung bestätigen. Als ich 2013 nicht mehr konnte – ich war im Vorfeld schon selbst aktiv auf der Suche nach einem Psychiater (meine Ärztin war verstorben) bzw. Therapiesuche (die dritte Therapeutin, bei der es gerade gut aussah, bekam mitten in unseren Vorgesprächen eine Krebsdiagnose und musste neuen Patienten absagen) – man kann sich gelegentlich nicht vorstellen, wie mies es laufen kann – war ich in einem hellen Moment sehr offen zu meiner Krankenkasse. Und ich kann nur sagen, dass die sich ab diesem Moment sehr um mich gekümmert haben. Ich bin angerufen worden. Ich habe eine persönliche Ansprechpartnerin bekommen, sehr geschult. Mir sind Angebote gemacht worden, dass man für mich einen Termin bei einem Arzt machen würde (die Kassen arbeiten da mit Ärzten zusammen, damit entfällt natürlich erst mal die „freie Arztwahl”, aber die sollte in so einem Moment auch nicht Priorität haben. Ich bin auf deren Krisendienste hingewiesen worden. Kurz: ich bin nicht alleine gelassen worden.

Aber dazu gehört, wie gesagt, Offenheit und Ehrlichkeit. Man muss sich eingestehen, dass man krank ist und man muss kommunizieren, dass man Hilfe benötigt. Das ist sehr anstrengend, aber die einzige Option, die man in dieser Krankheit hat. Und an dieser Stelle solle man sich selbst es wert sein und sich nicht von möglichen gesellschaftlichen Stigmata beeinflussen lassen! Dann bekommt man in diesem Land auch Hilfe. Und in einzelnen Fällen ist an dieser Stelle die eigene Krankenkasse womöglich sogar der bessere erste Ansprechpartner als der eigene Hausarzt sein muss – oder Angehörige und Freunde sein können. Wobei es natürlich sehr gut tut, wenn die einen dabei begleiten.

Natürlich heißt das längst nicht, dass man sofort einen Therapieplatz bekommt. Aber man ist zunächst von Profis aufgefangen, wird schon mal in regelmäßigen Gesprächen und – bei Bedarf (man wird hier nicht gezwungen) medikamentös – betreut. Denn …

Schlaf
… alleine vielleicht in den ersten Tagen einer sich neu andeutenden Phase der Erkrankung oder Krise einmal ein Präparat (das nicht abhängig macht) zu sich zu nehmen, das für einen gesunden Schlaf sorgt – das kann schon die Vorzeichen gerade bei einer akuten Depression von negativ auf wieder positiv drehen. Schlaf zu bekommen, ist sowas von die halbe Miete in einer Krise!

Und das ist mittlerweile das Erste, was ich heute für mich mache, wenn ich merke, ich steuere auf eine Krise zu: ich sorge für mich in dem ich für einen guten Schlaf sorge. Und ich weiß, ich kann diese Pillen auch sofort wieder weglassen, wenn ich selbst wieder in meinen Schlafrhythmus gefunden habe. Man muss heute vor einer Abhängigkeit keine Angst haben. Wenn man die hat, beim Arzt über diese Sorgen sprechen.

Ganz wichtig: deutet jemand an, bei dem ihr das Gefühl habt, dem geht es gerade psychisch nicht gut, er habe schon ganz lange nicht geschlafen, dann fragt bitte explizit danach, was das genau heißt. Denn, wenn jemand seit über 24 Stunden und mehr nicht die Augen zumachen konnte, dann ist das der direkte Einstieg in eine suizidale Krise. Hier als Freund, Partner etc. aktiv einsteigen (und vielleicht die Arschkarte ziehen, weil der Patient das nicht möchte) und einen Arzt rufen, ist jetzt wirklich oberste Pflicht!

Das Problem ist, dass ein Schlafmangel für Prozesse im Gehirn sorgen kann, aus denen wird sich der Patient jetzt nicht mehr selbst befreien werden können. Diese chemischen Vorgänge sorgen dafür, dass der Betroffene gar keinen Schlaf mehr findet, außer halt: sein Leben zu beenden. Dann nämlich hat er endlich die absolute Ruhe nach der er sich jetzt zwangsläufig – mehr als alles andere – sehnt. Also, wenn Ihr im Zusammenhang mit dem psychischen Zustand einer Person ein ungutes Bauchgefühl habt und sie von akutem und ungewöhnlich langem Schlafmangel berichtet, ab mit dieser Person zum Arzt! Und zwar: gleich! Nicht bis morgen oder auf schönes Wetter warten. Das muss jetzt wirklich nicht gleich ein Krankenhaus, die Krisenintervention sein. Davor haben viele Patienten Angst. Gerade solche, die sich womöglich ihrer Krankheit noch nicht stellen konnten und keine Erfahrungen haben – und für die die Krisenstation eines Krankenhauses gleichbedeutend mit weißen Jacken und geschlossenen Abteilungen ist. (Ist sie übrigens nicht.) Kümmert Euch jetzt! Auch wenn Ihr nicht selbst vor Ort seid, dann sorgt dafür, dass sich andere Menschen um diese Person aktiv kümmern. (Ich wäre übrigens in dem Punkt auch nicht mehr bereit, dass den Patienten entscheiden zu lassen. Ich würde selbst handeln. Depressive möchten oft keine Umstände machen und sagen dann gerne, es würde schon gehen. Denn alles was danach kommt, ist für sie eine Belastung – sie sind aber gerade hundemüde und können gar nicht mehr für sich entscheiden. Habt das bitte im Hinterkopf.)

• Bei normalen Praxisöffnungszeiten, geht ihr mit dieser Person zum Hausarzt oder Facharzt. Ihr lasst Euch nicht wegschicken! Ihr kommuniziert am Tresen einen Notfall. Vorrangig geht es erst einmal darum, dass diese Person sehr schnell Schlaf findet. (Blümchenpillen sind da übrigens gar nicht angebracht, liebe Freunde der Naturheilkunde. Oder gar medikamentöse Testläufe. Da ist der Stoff angebracht, der binnen von zehn Minuten für lange Stunden denjenigen zu Hause flach legt.)

• Außerhalb der normalen Öffnungszeiten ruft Ihr den ärztlichen Bereitschaftsdienst, die bundesweite Rufnummer ist: 116 117. Situation schildern, dann kommt jemand und setzt eine Injektion. Der Patient ist versorgt. Das hat für die Begleitperson den Vorteil, dass sie erst einmal in Ruhe und mit Hilfe des Arztes ein weiteres Vorgehen besprechen können. Allerdings, beim ärztlichen Bereitschaftsdienst kann es u. U. sehr lange dauern, bis er vor Ort eintrifft, daher:

• Ist die Person in ihrem Handeln einen Level weiter (z. B. mit psychotischen Anzeichen), ruft ihr 112. Den Notarzt. Auch hier geht es nicht darum, dass die Person zwangsläufig von diesem eingewiesen wird. Auch er kann entscheiden, dass es u. U. jetzt nur sinnvoll ist, den Patienten schlafen zu legen. Die Fälle in einer Krise sind sehr individuell und wenn eine Selbstgefährdung durch Schlaf im Grunde schon wieder ausgeschlossen werden kann, wird niemand zwangsweise mitgenommen. Nehmt im Vorfeld dem Patienten diese Sorge. Den Rest erledigt dann der Mediziner.

• Krisenstationen der Krankenhäuser – ja, wenn alles nichts geht und die Person für sich (bei Depressionen wirklich nur sehr sehr selten auch für andere) eine Gefahr zu sein scheint, ist die Aufnahme in einer solchen Station eine sehr gute Sache. Die einzig richtige Sache. Und ich kann nur jedem raten, auch wenn man in der Krise ist, für sich selbst zu sorgen und das selbst noch zu tun. Ins Taxi setzen und hinfahren oder selbst den Notarzt rufen. Die machen dort erst einmal nicht viel mehr, als für ein gutes Gespräch zu sorgen und z. B. für eine Ruhe- also Schlafmöglichkeit. Man muss nicht immer gleich zwangsweise über Nacht dort bleiben oder aber man kann, wenn man dort einmal richtig schlafen konnte, auch am nächsten Tag wieder gehen.

Ich weiß selbst, dass man vor der Krisenstation eines Krankenhauses große Angst hat. Für mich was das als Anlaufspunkt selber immer das Letzte. Diese Angst wurde mir aber in der Tagesklinik gänzlich genommen, denn mir wurde deutlich gemacht, dass die Selbsteinweisung längst nicht bedeutet dort für lange Zeit ohne eigenen Willen „eingesperrt” zu werden. Uns wurde verdeutlicht, dass wir z. B. bei Krisen am Wochenende, wenn die Tagesklinik nicht geöffnet hatte, dorthin gehen konnten – und keine Sorge haben mussten, nicht am nächsten Montag wieder am Tagesklinikprogramm teilnehmen zu können. Es geht lediglich darum in der Krise eine Anlaufstelle zu haben und versorgt zu werden – und das ist immer noch viel besser, als am nächsten Tag gar nicht mehr da zu sein. Ich musste zum Glück bisher nicht dort hin aber ich bin sicher, dass ich – und ich kann mich da gut einschätzen mittlerweile – ab einem bestimmten Status meiner Depression mich nicht verweigern würde, sondern lieber einen Tick früher dorthin gehe.

Ich hoffe, ich konnte klar machen, wie schwerwiegend bei einem Patienten eine Krise, durch Schlafmangel ausgelöst, werden kann und ihr in dem Fall Euch um Euch bzw. um die in Eurem Umfeld betroffene Person kümmert. Jemanden Schlaf zu bringen, ist eine ganz simple Sache – in diesem Land zu jeder Tageszeit möglich – und kann ganz viel verändern. Zum Guten!


MVZ (Medizinisches Versorgungszentrum)
In jeder größeren Stadt gibt es heute mittlerweile Medizinische Versorgungszentren für unterschiedliche Fachrichtungen. Sie liegen aus historischen Gründen oft in der Nähe von Krankenhäusern, längst schon aber nicht immer. Sie wurden vom Gesetzgeber eingeführt, um Krankenhäusern auch ambulante Therapien zu ermöglichen, die dort tätigen Ärzte sind Angestellte des Krankenhauses, keine Freiberufler. Üblicherweise hat ein MVZ immer zwei übergreifende fachärztliche Richtungen, also z. B. Psychiatrie und Neurologie. In der DDR war das System als Poliklinik geläufig.

Der Vorteil von einem MVZ ist, dass sie im Grunde wie eine Notaufnahme im Krankenhaus arbeiten. Die Praxen sind zur üblichen Tageszeit geöffnet im Allgemeinen (es gibt jedoch keinen nächtlichen Notdienst) und sie nehmen Patienten, vor allem Akutpatienten, immer an! Also wer gerade nicht die Kraft hat, sich langwierig einen Psychiater zu suchen, kann sich an ein MVZ wenden. Entweder bekommt man dort wirklich sehr kurzfristig einen Termin (meiner Erfahrung nach binnen einer Woche) oder man ist morgens dort direkt vor Ort und kommt mit Wartezeit noch am selben Tag dran. Psychiatrische Praxen machen das, denn Krisen vom Patienten lassen sich halt nicht planen.

Ich selbst bin nach meinem Klinikaufenthalt in das MVZ vom Urban gegangen. Das hatte für mich den Vorteil, dass die Kommunikationswege meiner ehemaligen Therapeuten kurz waren. Nachdem aber vor anderthalb Jahren der psychiatrische Bereich im MVZ aufgelöst wurde, bin ich jetzt in Mitte in einem MVZ in Behandlung. Und fühle mich dort sehr gut aufgehoben und habe mir daher gar nicht mehr einen in einer Praxis niedergelassenen Psychiater gesucht. Dieses MVZ ist an einem Krankenhaus angeschlossen – ich weiß also, dass ich im Notfall dort in deren Krisenstation gehen könnte, muss da keine geographischen Berühungsängste haben – und kann auch alle anderen Angebote aus dem therapeutischen Umfeld des Krankenhauses bei Bedarf für mich in Anspruch nehmen.

Nehmt die MVZs bitte als mögliche Lösung im Fall einer Erkrankung und Krise in Anspruch! Sie sind deutlich leichter zugänglich als manche Praxis eines niedergelassenen Psychiaters.

Telefonseelsorge
Da wende ich mich direkt an betroffene Depressive: Wenn Ihr in der Krise seid und akut gehen wollt/müsst – was immer auch okay ist aber dummerweise eben ganz schnell auch so schrecklich final sein kann  – ruft vorher bei der Telefonseelsorge an:

0800/1110111 oder 0800/1110222*

*Jetzt wäre der ideale Moment sich diese Rufnummern in seinem Handy/Smartphone zu speichern. Dann hat man sie immer bei sich.

Ärzte, Verwandte, Partner und Freunde sind in Eurer Krise nicht immer für Euch erreichbar oder können nicht immer ein offenes Ohr haben. Oder Ihr möchtet gar nicht mit denen jetzt sprechen. Ist so. Aber dieser eine Telefonanruf bei der Seelsorge, den solltet Ihr Euch immer vorher noch einmal wert sein. Aus Gründen. Nur ein Gespräch führen – das muss zu keinen anderen Konsequenzen führen, wenn ihr nicht wollt. Es ist lediglich ein Angebot, dass jeder für sich in der Krise in Anspruch nehmen sollte. Die Seelsorge hat in einer Sache eine ganz große Kompetenz: sie kann Druck von Euch nehmen. Ohne Druck kann sich Euer Leben wieder ganz anders anfühlen. Nutzt diese Möglichkeit bitte für Euch.

Übrigens kann man sich und seinen Angehörigen das Versprechen geben, das immer noch einmal zu tun im dunkelsten Fall: diesen einen Anruf zu tätigen – vor dem anderen Schritt.

Sonstiges – Persönliches
Mir persönlich haben bisher in meinen akuten Krisen zwei Sätze geholfen, die mich vor finalen letalen Entscheidungen immer gut bewahrt haben. Der eine Satz kam von meiner (mittlerweile verstorbenen) Ärztin, die mir einmal vor langer Zeit sagte:

Niemand geht aus einem Suizidversuch hervor wie vorher.”

Damit sprach sie an, dass sehr viele Suizideversuche (Ihr erinnert Euch: Suizidversuche im Jahr um die 100.000, „erfolgreiche” nur 10.000) also gar nicht glücken und man oft dann mit physischen Schäden überlebt, die einen unter Umständen ein Leben lang begleiten und es noch weniger leichter machen. Ich habe verstanden, was sie mir damit sagen wollte, denn als meine Oma sich suizidierte (sie hatte sich erhängt), wurde sie noch lebend gefunden, reanimiert und verstarb erst Stunden später im Krankenhaus. Hätte sie überlebt, wäre sie den Rest ihres Lebens Komapatientin, mindestens aber ein Pflegefall gewesen. Ob man das für sich und seine Angehörigen möchte? Diese Entscheidung trifft man aber womöglich im Falle eines Falles. Deswegen finde ich diesen Satz sehr wertvoll. (Ich weiß aus Erfahrung, dass er bei mir wirkt.)

„Nur nicht heute.”

Kommt aus der Anonymen Alkoholiker-Bewegung, las ich vor ein paar Jahren in einem Buch. Es geht dort darum als Alkoholiker, wenn man in einer schweren Stunde vor dem Glas sitzt, nicht befinden muss, dass man für immer clean bleiben muss – was in einem schwachen Moment viel zu großen Druck aufbaut, dem man womöglich nicht stand halten kann. Sondern man bittet sich – nur jetzt in diesem einen schwachen Moment – das Vorhaben auf einen anderen Tag zu verschieben. Umgesetzt: Wenn man sich umbringen muss, kann man das immer noch tun, nur eben nicht jetzt, nicht heute.

Ich kann versichern, meine Krisen fühlten sich einen Tag später deutlich leichter an. (Natürlich habe ich mittlerweile gutes Instrumentarium in die Hand bekommen, mich in solchen Momenten um mich zu kümmern. Auch ohne Medikamente.) Es ist ein wirklich kleiner ganz toller Satz mit großem Potential. Es geht lediglich darum, nicht gleich heute zu gehen. Morgen ist auch noch ein Tag zum Sterben. Nehmt diesen Satz bitte herzlich gerne für Euch mit.


Stigma: Depression
Ja. Gibt es nach wie vor in unserer Gesellschaft. Habe ich auch keine wirklich Lösung dafür und für mich schon mal gar nicht. Ist ein sehr heikles großes Thema auch für mich. Dennoch: es sollte Euch nicht davon abhalten, frühzeitig, wenigstens rechtzeitig Hilfe zu holen. Mit einem Stigma kann man jedenfalls besser leben als mit einer Depression. Das Stigma ist in den Köpfen der anderen. Die Depression in Eurem eigenen.

Das ist aber ein großes weites Thema, das hier den eh schon gesprengten Rahmen noch mehr sprengen würde. Vielleicht schreibe ich darüber ein anderes Mal. Bis dahin könnt Ihr Eure Depression auch gerne Burnout nennen. Aber holt Euch bitte Hilfe! Und holt sie Euch nicht etwa nicht aus den falschen Gründen. Es ist scheißegal, was die anderen denken. (Pardon my french.)

Tweets
Da war gestern viel Hilflosigkeit in diesem Internet mit Bekanntwerden des Blogposts bis zur traurigen Gewissheit in der sich viele Menschen an diesen einen Menschen an seinen Twitteraccount gewendet haben. Natürlich immer sehr gut gemeint. Das ist eine ganz schwierige Sache, war eine schwere Situation für uns alle, verständlich – absolut. Aber einige dieser Tweets hätten bei diesem Menschen in seiner akuten Situation so unter Druck setzen können – den er in diesem Moment absolut nicht gebrauchen kann.

Ja: Die eigenen gut gemeinten Wünsche können einen in der Krise befindlichen depressiven Menschen unter noch mehr massiven Druck setzen! Bitte seid Euch dessen immer bewusst.

Ein Mensch, der Suizid begehen möchte, der kann nicht mehr. Der ist tieftraurig und energie- und kraftlos. Der ist der felsenfesten Überzeugung, sein Leben gar nicht mehr stemmen zu können. Er braucht unbedingte Ruhe, er erträgt sich und sein Leben nicht mehr. Formuliert an solche Menschen bitte keine Forderungen!

Wenn man so einem Menschen in diesem Moment beschäftig mit Sätzen wie „Denke doch an Deine Frau, an Deine Kinder”, so nachvollziehbar sie und die gute Absicht dahinter sind, sie sind in dem Moment Bullshit. Wer in einer Situation steckt, in der er für sein eigenes Leben und Weiterbestehen keine Verantwortung mehr tragen kann, diesen Menschen auf sein Verantwortungsbewusstsein Dritten gegenüber hinzuweisen, heißt ihm das letzte bisschen Luft zum Atmen zu nehmen. Und womöglich befindet er sich gerade in dieser Depression, weil er überzeugt ist, seinem Partner, der Verantwortung den Kindern gegenüber nie mehr gerecht werden zu können? Dieser Mensch kann gerade nicht mehr! So einen Menschen muss man dort abholen, wo er sich gerade befindet: in seiner abgrundtiefen Müdigkeit, in seiner Ausweglosigkeit.

Macht Angebote: „Ich möchte gerne mit Dir sprechen.” „Ich möchte Dich verstehen.” „Ich möchte Dich gerne sehen.” Aber formuliert um Himmels willen niemals Forderungen! Von jemanden, der nicht mehr kann, noch etwas zu verlangen – das ist ja fast Beihilfe. (Wenn es richtig mies läuft, sorgt man mit „denke an …, was soll aus … werden?” womöglich dafür, dass aus einem Suizid ein erweiterter Suizid gemacht wird und Partner, die Kinder mitgenommen werden.) Bitte, das ist ein ganz heikles Thema. Da kann man mit viel gutem Willen ganz viel kaputt machen.

Versucht die Person in ein Gespräch zu holen, macht Offerten, die dieser Person keinen Energieaufwand oder Handeln abverlangen. Es ist etwas anderes, wenn man jemandem sagt, „Ruf da jetzt an!” oder das Angebot macht: „Du kannst, wenn Du möchtest, wenn es Dir möglich ist, bei der Telefonseelsorge anrufen. Ich gebe Dir jetzt die Nummer.” Letzteres ist ein Angebot und da hat die Person immer eine Option, es für sich abzulehnen – kein Druck. Aber „denke doch an Deine Lieben”, das ist Druck. Den braucht der suizidale Patient am allerwenigsten.

Und, sorry, Hashtags mit dem Namen einer Person, die ihren Suizid angekündigt haben? Grundgütiger Himmel! Bitte nicht!

• a) siehe vorherigen Satz: damit setzt man diese Menschen unter unfassbar gewaltigen Druck. Wenn ich in einer Krise bin und ich sehe – sollte ich noch in der Lage sein, Twitter zu verfolgen (was ja passieren kann, weil soziale Medien Krisen erst auslösen können) – was glaubt Ihr, was ich mit meiner zusätzlich empfundenen Scham dann noch anderes ausrichten kann als zu gehen? Da gibt es doch dann überhaupt keinen Morgen mehr danach. Und

• b) denkt bitte in solch einem Moment an die Angehörigen!

Zum Schluss, in eigener Sache, diese Methode auf Twitter Namen in Klammern zu setzen, weil man Mitleid oder Betroffenheit ausdrücken möchte, da ist durch die Häufung der Symbolik viel Schwarz. Mich erschrickt es immer und zieht es immer herunter, wenn ich das sehe. Mir hat das gestern stellenweise – sicher bin ich da sensibler als andere, my fault – ehrlich körperliche Schmerzen verursacht. Sie signalisieren die absolute Erwartung von etwas Negativem. Das ist nicht schön.

Ich habe sehr bewusst den Namen der wundervollen Person, die uns verlassen hat, nicht genannt und bitte das auch in den Kommentaren nicht zu tun, weil die Familie um Respekt seiner Person in den öffentlichen Medien gebeten hatte.

Diese Person hatte uns früher einmal aufgefordert, die Welt gemeinsam zu einem besseren Ort zu machen. Auch diese Internetwelt.

Ich hoffe, dieses Post ist mit ein kleiner Anfang dafür und in diesem seinen Sinn. Eine kleine Hilfestellung damit Ihr künftig aufmerksam durch Euer soziales Leben gehen könnt und rechtzeitig auf Euch selbst und andere Acht geben könnt. Wenn hier auch viel verallgemeinert dargestellt wird: natürlich sind Depressionen und die jeweiligen Krisen immer individuell bis sehr individuell. Eine Krise in einer manisch-depressiven Phase bedarf u. U. andere Hilfen. Gerade Jugendliche müssen im Anfang einer Behandlung, vor allem bei Medikamentengabe und dem Auflösen des Schlafdefizits sicherlich ganz anders betreut werden als ein Erwachsener.

Aber wenn Ihr ein blödes Gefühl im Magen habt angesichts einer Person: traut Euch. Sprecht sie an. Fragt relevante Fragen. Hört zu. Werdet lieber einmal zu früh aktiv als einmal zu spät. Und alle anderen: bleibt stark!

Telefonseelsorge
Notfallnummern bei Depressionen und psychiatrischen Krisen Deutschland bundesweit, Österreich und in der Schweiz
Ärztlicher Bereitschaftsdienst
Suizidprophylaxe – Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention
Speziell für Jugendliche: Jugend.Support

2016-07-25

Wenn Donald Duck nicht mal demnächst seinen Vornamen ändern lässt …

«Diese Menschen (Donald Trump und Boris Johnson) haben keine Persönlichkeit. Sie haben Haarschnitte. Hässliche Haarschnitte. Und wir fallen herein auf das Spiegelbild, das sie von sich selbst sehen - das Spiegelbild, das sie als kleine Götter zeigt.»

Laurie Penny feiert bei den Republikanern.

Psychologen halten Trump für eine außergewöhnlich narzisstische Persönlichkeit. Oder wie ein ehemaliger Freudn Trumps nach dessen Reaktion in einer persönlichen Krise beschreibt: „Er pisst Eiswasser.”

Clemens Wergin, Cleveland schreibt für die Welt und N24.

2016-07-23

Leseblumen

Wahrscheinlich beschränkt Anke Gröner überhaupt noch zu verlinken, da ich denke, sie führt das im deutschsprachigen Web meistgelesene Blog – also sie wird vermutlich eh von allen schon gelesen. Aber dieser Text ist sehr besonders: „Ich wundere mich nur – Sie gehen so selbstbewusst durch die Gegend, obwohl Sie so dick sind.”

Kitty Koma schrieb ihren ehrlichen Text „Körperpanzer” in Reaktion auf Ankes Post.

(Aus der Reihe: Interessant für mich: Ich kenne Anke Gröner ja auch en natura und treffe sie dann und wann auf der re:publica und nehme sie tatsächlich nie als „so” dick wahr.)

2016-07-22

Nervt nicht.

Vorhin spült die Facebook Timeline einen Artikel mir ins Gemüt, den diverse honore Facebook-Persönlichkeiten liken und sharen, als wäre es ein gesundes Stück Weisheit.

Ist er aber nicht. Im Gegenteil, er ist erstaunlich maulig, nervig und leider auch substanzlos.

Er disst Leute, die angeblich Leute dissen, die „Pokémon Go” spielen. Und ich bin mittlerweile maximal genervt von solchen überheblichen „Ihr Alten kapiert es halt nicht”-Artikeln.

Kurz: ich spiele „Pokémon Go” selbst nicht. Weil ich per se nicht so gerne spiele. Das hat vorrangig visuelle (optische) Gründe. Aber: ich kann mich absolut darüber freuen, wenn Leute damit ihren Spaß haben – und wenn sie weltweit gemeinsam damit ihren Spaß haben und irgendein StartUp damit reich und glücklich wird. Sehr schön! Spaß ist in diesen Zeiten wichtig.

Und: Ich habe bisher noch an keiner Stelle irgendwen über „Pokémon Go” meckern hören, noch irgendeine Kritik dazu zur Kenntnis genommen. Im Gegenteil, vornehmlich Stimmen, die am Effekt ihren Spaß haben. Manchmal Erstaunen – aber selbst über Unfälle im Einsatz beim Sammeln wird noch mit einem Augenzwinkern berichtet.

ABER: Ich nehme ständig Artikel oder Sprüche zu Kenntnis, die sich einen Affen einbilden und darüber schreiben, wir „Alten” hätten halt keine Ahnung von jungen dynamischen Webwelten und würden ständig sie und den aktuelle Pokémon-Hype dissen.

Nein, tun wir nicht.

Das ist ganz alleine eine Annahme von Euch, ein dummes Abgrenzen. Eine nicht real existierende Tatsachenverdrehung Eurerseits.

Meine alte Generation hat zwar Eure Personal Computer und das Internet zu dem gemacht, was es heute ist – aber das muss Euch ja nicht wirklich interessieren.

Wir sind die Generation, die Pac-Man, Tetris nächtelang durch gespielt haben. Die Generationen (vor meiner noch) haben uns sowas wie Mac OS und Windows noch in den einstelligen Versionsbereichen geschenkt. Wir also sind die Generation, die begonnen hatte mit Computern zu leben. Unserer Generation ist nichts ferner als das Wissen und die Erinnerung, wie geil Games sind; wir sind die Generation, die dafür gesorgt haben, dass man nicht alleine zu Hause spielen muss, sondern übers Internet spielen kann.

Merkt Ihr es? Und jetzt wollt Ihr uns erzählen, dass wir, die Alten, Euch nicht verstehen würden? Euch den Spaß nicht gönnen würden? Euch mit der Pokémon-Spielerei nicht ernst nehmen würden? Es tut mir total leid, Euch das sagen zu müssen: Ihr seid nichts Besonderes. Ihr seid nicht sonderlich hipp, nicht sonderlich klug, nicht sonderlich kreativ, nicht sonderlich innovativ. Ihr seid lediglich Leute, die erstaunlich in ihrer Anwendung reduzierte Technik bedienen könnt und damit im großen Stil Spaß habt. Euer iPhone ist lediglich ein bunter Nachfolger dessen, was mal Apples Newton hieß. Ihr spielt mit der nachfolgenden Technik für die wir schon vor 30 Jahren Software, auch Spiele, entwickelt – mindestens benutzt haben.

Und deswegen sollen wir Euch jetzt den Spaß neiden, den Ihr habt? Warum? Kann mir mal einer auch nur einen vernüftigen Grund nennen, warum wir das tun sollten? Ihr macht nix, was wir nicht schon gemacht haben! Das hieße doch unsere eigene coole Jugendzeit mit den Füßen zu treten – warum zur Hölle sollten wir das tun?

Übrigens hat meine alte Generation vor Jahren etwas gespielt, weltweit zu gleichen Zeit überall mit Hingabe und Leidenschaft, das hieß Zauberwürfel. War 'ne komplett analoge Nummer – war aber im Grund wirklich nichts anderes, als das was der Pokémon-Hype gerade ist. Irgendwelche begeisterte Fredies haben 'nen Gimmick weltweit zur gleichen Zeit begeistert bedient, unterwegs, überall – zu jeder Tages- und Nachtzeit und irgendeiner ist dadurch echt reich geworden und ja, die Medien haben damals auch darüber sachlich, unsachlich, begeistert, kritisch geschrieben.

Ihr seid weder besser noch schlechter noch hipper als wir. Ihr brauch nur Strom für Euren Spaß. That's it! Und nun geht bitte wieder spielen und hört auf uns Pseudomeckereien in den Mund zu legen.

tl;dr Der oben verlinkte und auf Facbeook wild gelikte und gesharte Artikel ist gar nicht so suppi.

Bauchschmerzen …

… bekomme ich, wenn ich an den Präsidentschaftskandidaten der Republikaner denke. Da kommt noch was auf uns zu, das wird nicht lustig werden.

Im New Yorker spricht der Autor Tony Schwartz über seine Erfahrungen mit Donald Trump, als er als dessen Ghostwriter sein frühes Werk „The Art of the Deal” schrieb.

„Not long after the discussion of the party bills, Trump approached Schwartz about writing a sequel, for which Trump had been offered a seven-figure advance. This time, however, he offered Schwartz only a third of the profits. He pointed out that, because the advance was much bigger, the payout would be, too. But Schwartz said no. Feeling deeply alienated, he instead wrote a book called “What Really Matters,” about the search for meaning in life. After working with Trump, Schwartz writes, he felt a “gnawing emptiness” and became a “seeker,” longing to “be connected to something timeless and essential, more real.”

Sowas von lesenswert!

2016-07-21

Manchmal ist die Erbse …



… eine einfache Ikea-Decke.

2016-07-18

Einen schönen und guten Montag!

2016-07-17

Sportler de luxe …

Vor vielen Jahren ist einmal ein Ruderer in mein Leben getreten. Fortgeschritten, Olympia-Liga. Groß und stark wie ein Baum, ein Traum von einem Mann, dabei eine Stimme wie von Kermit. Interessant wie die Sockensammlung vom Özi. Am spannendsten fand ich an diesem Mann, wie ein Langweiler ernsthaft in der Werbung arbeiten konnte.

Er ist nach Hamburg gezogen, der Werbung zuliebe. Nicht immer weint man ihnen Tränen nach.

Erinnert heute hieran von der Frau Misanthropin.